• 2. Bundesliga Frauen

    Fünf Sekunden bis zum Fußfeger

     c280x210 280x210 sturmLisanne Sturm (blau) in Aktion

    JUDO Zielstrebiges Superleichtgewicht: Die Wiesbadenerin Lisanne Sturm träumt vom Sprung in die deutsche Spitze

    20.04.2011 - Wiesbadener Kurier

    Von Henning Kunz


    Was man in fünf Sekunden nicht alles erledigen kann. Hacker legen in fünf Sekunden ganze Betriebssysteme lahm, Formel-1-Boliden beschleunigen in fünf Sekunden von 0 auf 200, Jugendliche beenden in fünf Sekunden per SMS ihre Beziehungen und die Wiesbadener Judo-Kämpferin Lisanne Sturm legt in fünf Sekunden manchmal ihre Gegnerinnen flach.

    Bei der Deutschen U-20-Meisterschaft in Herne machte das JCW-Superleichtgewicht (Klasse bis 48 kg) mit der Rostockerin Sarah-Luise Martin kurzen Prozess. Sturm ging auf die Matte, verbeugte sich vor ihrer Kontrahentin, ging zielstrebig auf sie zu, packte sie am Ärmel und haute sie mit einem Fußfeger auf den Tatami. Rumms. So schnell konnte Martin gar nicht schauen, so stürmisch - das Wortspiel sei gestattet - ging Lisanne Sturm zur Sache.

    Für den rasanten Auftaktsieg gab es später den Sonderpreis für „die schnellste Ippon-Bewegung“, viel lieber, sagt Lisanne Sturm mit dem Abstand von einem Monat, wäre ihr aber ein Platz auf dem Treppchen gewesen (statt der siebte). So wie 2006, als sie als 15 Jahre junges Nesthäckchen die nationale U-20-Konkurrenz in der Klasse bis 44 Kilogramm und mitunter sich selbst mit dem dritten Platz überraschte.

    Der Weg in die deutsche Spitze ist weit. Und er ist steinig, weil es im Judo mit zwei Trainingseinheiten eben nicht getan ist. Vier bis fünf Mal in der Woche steht Lisanne Sturm auf der Matte, dazu kommen die Lauf- und Krafteinheiten. Wer sich nicht quält, der wird schnell zum Opfer, hat keine Chance. „Wenn man nicht voll und ganz hinter der Sache steht, dann hat man deutlich weniger Spaß“, sagt Lisanne Sturm. Und genau dieser Spaß ist ihr Antrieb. „Für mich ist Judo neben dem ganzen Schulstress der perfekte Ausgleich“, sagt die Gutenberg-Schülerin, die im nächsten Jahr ihr Abitur anstrebt, „weil es ein abwechslungsreicher Sport ist, der den ganzen Körper beansprucht.“

    Während andere Judoka mit ihrem Körper, sprich mit ihrem Gewicht, kämpfen und vor den Wettkämpfen das große Fasten angesagt ist, muss sich die zierliche Sturm kaum sorgen. Sie bedankt sich bei „meinem guten Stoffwechsel“. JCW-Frauencoach Alexander Grautegein staunt: „Sie hält immer ihr Gewicht.“ Und das sei nur eine ihrer guten, im Judo allerdings entscheidenden Eigenschaften: „Lisanne ist sehr ernsthaft, sehr zielstrebig. Sie weiß genau, was sie will und wenn sie so weitermacht, hat sie schon die Perspektive, bei den Frauen in der deutschen Spitze mitzukämpfen“, sagt Grautegein. Und auf der Matte? „Dort agiert sie kontrolliert-aggressiv.“ Scheut nicht das Risiko, läuft aber auch nicht direkt ins offene Messer. Es kann manchmal so schnell vorbei sein. Das weiß sie.

    Für den Judo-Club Wiesbaden ist Lisanne Sturm ein Glücksfall. Eher zufällig schaut sie 1999 als Siebenjährige im Training vorbei, weil eine Grundschulfreundin sie mitschleift. Zwölf Jahre später ist Sturm neben Alexander Wieczerzak das größte JCW-Talent. Und diese zwölf Jahre, in denen sie so viel investiert habe, werde sie nicht einfach wegwerfen, sagt Sturm. Nach der Schule will sie in Mainz oder Köln Sport studieren und schauen, „ob der Sprung in die Spitze möglich ist. Es ist auf jeden Fall einen Versuch wert“.

    Heute feiert Lisanne Sturm ihren 19. Geburstag. Und dazu gehört Mamas leckere Erdbeertorte. „Die hat bei uns Familientradition.“ Um die Kalorien(bombe) macht sich das Superleichtgewicht keine Sorgen. Bis das nächste, wichtigere Turnier ansteht, zieht noch eine Weile ins Land, und außerdem geht‘s direkt nach der Torte ins Training. Allerdings wird sie dort etwas länger als fünf Sekunden brauchen, bis die Kalorien abgebaut sind.